Deutschland 2014

Am 23. Juli war es endlich so weit: Unter lautem Jubel und Kreischen konnten wir einige unserer Freunde aus Porto in die Arme schließen! Acht brasilianische Jugendliche besuchten uns für drei Wochen.

Wir haben ihnen unsere Heimat gezeigt, unsere Lebensweise und Kultur. Wir sind gemeinsam in die Schule gegangen und haben in den Ferien zusammen auf einem Bauernhof gewohnt. Wir hatten ein vielfältiges Besuchsprogramm organisiert mit vielen Ausflügen in die nähere Umgebung und einer Fahrt nach Berlin u.a. mit Besichtigung des Deutschen Bundestages, des Mauermuseums und des Doms. Als Thema der Begegnung haben wir über globale Fragen der Ernährung gesprochen.

Es gab wieder viele individuelle Begegnungen, interessante Gespräche, einen Austausch von Ideen und Erfahrungen und wir haben uns von unseren Freunden auch über den Fortschritt unseres gemeinsamen Projektes Fruticultura berichten lassen. Die Vielzahl der Eindrücke und Erlebnisse werden vielleicht am besten durch verschiedene kleine Berichte der Jugendlichen deutlich, die wir hier exemplarisch zusammengestellt haben.

Unsere lieben Freunde sind wieder da!

Wenn ich mich an den ersten schönen Moment der Brasilianer zurück erinnern soll, so fällt mir gleich der Augenblick des Wiedersehens - am Flughafen - ein. Wir fielen uns weinend, lachend und kreischend in die Arme. Dieser Moment war wunderschön, alle waren froh sich wieder zu haben und endlich mal wieder ein bisschen Zeit miteinander verbringen zu können.

Nach dieser herzlichen Begrüßung ging es gleich weiter in die Gastfamilien, wo sich die Brasilianer gemütlich einrichteten. Am selben Abend gab es eine riesengroße, bunte und vor allem leckere Begrüßungsparty. Leider habe ich in den ersten Tagen der Begegnung nicht so viel mitbekommen, da ich ein Praktikum absolvierte. Jedoch stieß ich bald wieder dazu. In der zweiten Woche erfolgte ein Umzug in das gemeinsame Quartier; hier war besonders schön, dass man die ganze Zeit zusammen war, zusammen gekocht, gegessen, geredet, gearbeitet und Erfahrungen ausgetauscht hat. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück.

Julie Moser, 17 Jahre

Erfahrungsaustausch

Es regnet in dem kleinen Dorf Esperde im Weserbergland. Für einen Augusttag ist es richtig kalt. Aber unsere brasilianischen Freunde wollten analog ihrer Arbeit auf der Obstplantage Fruticultura einmal hautnah erleben, wie die Landwirtschaft in Deutschland organisiert ist und am liebsten gleich mithelfen.

Weil die Felder ziemlich aufgeweicht sind, können wir jedoch nicht wie geplant Kartoffeln roden. 21 deutsche und brasilianische Jugendliche stapfen trotzdem gut gelaunt durch die Pfützen hinüber zur alten Scheune des Marienhofs. Sabine Zeller und ihre Mitarbeiter bauen hier von Hand bio- logisch-organisch zertifiziertes Gemüse für den Hamelner Wochenmarkt an.

Die erste Gruppe wird zum Zwiebelputzen eingeteilt. Das heißt: Wir schneiden oben und unten ein Stück ab, kratzen den Dreck weg und ziehen die äußerste Schale ab. Rafael und Neto pflücken im Gewächshaus Tomaten, Geovana und Alleysson Paprika, Ariana und Natiele vereinzeln mit der weißrussischen Praktikantin Salatpflänzchen und Jackson und Paulo helfen dem Hofbesitzer…

Während des Zwiebelputzens stellen die brasilianischen Jugendlichen eine ganze Menge Fragen. Sie wollen wissen, ob es in Deutschland Pflanzen gibt, die Eis und Schnee überleben, zu welchen Jahreszeiten geerntet werden kann und wie die Früchte gelagert werden. Die Hofmitarbeiter und wir fragen zurück, wie oft im Jahr in Brasilien geerntet wird, wie die Pflanzen vor der Sonne geschützt werden und welche Gemüsesorten die brasilianischen Jugendlichen aus ihrer Heimat kennen. Das ist besonders lustig, da wir manche Übersetzungen nicht kennen und zum Teil mit Händen und Füßen erklären müssen.

Als die Arbeit erledigt ist und wir alle gemeinsam den Hof besichtigt haben, laden uns die Hofbesitzer noch zum Kaffeetrinken in die Bauernküche ein. Bauer Helmut Subottka findet seine Besucher mindestens genauso interessant wie wir den Tag auf seinem Hof, und er will alles über die Landwirtschaft im Nordosten Brasiliens erfahren.

Paulo erzählt, dass seine Familie von Subsistenzwirtschaft lebt. Sein Vater baut genug Reis an, um die 14 Kinder satt zu bekommen. Zum Verkaufen reicht es allerdings nicht. Jackson berichtet von seiner landwirtschaftlichen Ausbildung und dass er angefangen hat, Weintrauben anzubauen, mit denen er sich bald etwas dazu verdienen möchte. Natürlich erzählen sie auch von unserer gemeinsamen Obstplantage, von den Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung und dass wir diese Probleme bald mit Solarenergie lösen wollen.

Aber dann sind die Brasilianer dran: Ihnen ist aufgefallen, dass Biogemüse in Deutschland teurer ist als konventionelle Produkte. Warum denn das? In Brasilien ist das anders herum. Wir deutschen Jugendlichen sind perplex, aber Helmut Subottka weiß Antwort. Während in Deutschland chemische Mittel – und damit die Pharmaindustrie - staatlich gefördert werden und das konventionelle Anbauen günstiger machen, muss das Gift in Brasilien teuer importiert werden. Was gibt es denn dann noch für einen Grund, trotzdem zu den teureren und ungesünderen Lebensmitteln zu greifen, fragen wir uns und bekommen erklärt, dass dies vor allem an der Größe und dem makellosen Aussehen der Früchte liegt. Das konventionell angebaute und teurere Gemüse ist für viele wie ein Statussymbol.

Dieser Tag war für mich einer der interessantesten des ganzen Besuches, da durch das gemeinsame Arbeiten so viele Fragen aufkamen und wir überraschende Dinge über Brasiliens Landwirtschaft gelernt haben.

Flavia Holzki, 16 Jahre

 

Mein erster Besuch in Deutschland 2010 hat mich darin bestärkt weiterzuarbeiten. Ich habe gesehen, was man alles erreichen kann im Leben.  Ich hatte vorher daran gedacht, nach São Paulo zu gehen und mir dort Arbeit zu suchen. Aber dann habe ich Larissa versprochen, meinen Schulabschluss zu machen. Und nun habe ich in Porto auf unserer Plantage eine Aufgabe gefunden, die mich glücklich macht. Das verdanke ich alles unserem Projekt.

Es war schön, dass wir so viel über Lebensmittel gesprochen haben. Mir war da vieles noch nicht so bewusst. Ich war erstaunt, wie viel sich die Deutschen Sorgen machen, dass alle Menschen auf der Erde genug zu essen haben und gesund leben können.

Die Fahrt nach Berlin war sehr interessant, die Stadt ist wie ein offenes Geschichtsbuch.

Jackson Luis Sanção Oliveira Silva, 24 Jahre

Das gemeinsame Leben auf dem Hof

Zusammen mit unseren acht brasilianischen Gästen wohnten wir zwei Wochen lang mit zehn bis fünfzehn deutschen Jugendlichen auf dem Bauernhof, auf dem ich mit meiner Familie lebe.

Eine nicht leicht zu organisierende Angelegenheit, besonders, wenn man alles selber zu organisieren hat! Schon das gemeinsame Aufstehen war jeden Morgen eine ziemliche Hürde.

Alle müde, je nach Zubettgehzeit verschieden, nur drei Badezimmer, Duschzeiten, Küchendienst. Das war jeden Morgen das Erste, das es zu schaffen galt. Danach Frühstück und Planung: Wer macht was, wann und wieso, ab und zu Diskussionen über die Wichtigkeit einzelner Punkte. Jeden Morgen. Wer hat Putzdienst? Wer ist im Abwaschteam? Was muss eingekauft werden? Was gekocht? Dann Start. Alle, die nicht im Einkaufs-, Putz- und Kochteam sind, ziehen gemeinsam los.

Es werden andere Biohöfe besucht, in der Schule die „Nacht der Kulturen“ vorbereitet, gebaut, Ställe ausgemistet, Zäune repariert, Bürgermeisterhände geschüttelt, Städte besucht, Wälder begutachtet, Diskussionen geführt. Immer vor dem Hintergrund des Kulturaustausches. Und alles beginnt immer in unserem Hauptquartier, dem Bauernhof in Göxe. Hier fährt einmal stünd- lich ein Bus in Richtung Hannover. Sonst gibt es noch für jeden ein mit Rudis Hilfe frisch repariertes Fahrrad und manchmal Autos.

Wenn sich das nach einer Menge Arbeit anhört, liegt man richtig. Eine Menge Arbeit mit einer noch viel größeren Menge Spaß allerdings. Denn bei der ganzen Organisiererei hat man das, was man selber an Arbeit hineinsteckte, wieder zurück bekommen. Es war wie ein gewaltiger Energieeintopf. Jeder konnte den Topf aufmachen und die Energie nehmen, die er brauchte, um zum Beispiel dem ungeliebten Job des Aufräumers nachzukommen. Jedes Lachen, jede gedachte Nettigkeit, eine neue Zutat für den Energieeintopf.

Besonders hat man dieses Energieaufnehmen und -abgeben bei den gemeinsamen Arbeiten gesehen, die wir zum Beispiel auf dem Hof oder in unserer Schule verrichteten. Es war nicht oft so, dass jemand mit den Händen in den Hosentaschen daneben gestanden hätte. Ständig wurde über das zu bauende oder zu reparierende gesprochen, wobei  zwei sehr unterschiedliche Arten des Umganges mit Hindernissen zu erkennen waren. Auf der einen Seite standen die Brasilianer mit ihrer Gesprächsfreudigkeit. Sie berieten lange und alle zusammen, wie das Problem korrigiert werden könnte.

Wir Deutschen gingen das anfangs anders an, bei uns wurde nicht so viel geredet, was oft zu Unklarheiten führte, denn bei uns stellte sich meist ein Einzelner, der Spezialist an die Spitze seiner Kameraden. Er oder sie leitete an, sodass die nicht so geübten Compagnons oft nicht genau wussten, worauf man hinarbeitete. Zum Glück arbeiteten wir immer in gemischten Gruppen. So konnten wir die eigentlich sehr viel bessere, demokratische Arbeitsweise der Brasilianer lernen, was sehr viel Spaß gemacht hat.

An zwei Tagen des Zusammenseins hatten wir uns vorgenommen, den Hof auf Vordermann zu bringen. An diesen Tagen waren auf dem ganzen Gelände wir Brasil09er mit Schubkarren, Mistgabeln, Gummistiefeln, Hämmern und Nägeln verteilt. Jeder der gerade arbeitslos war, war suchend, jeder der suchte wurde fündig. Ich musste immer mal wieder Sachen heranschaffen, von denen die anderen nicht wussten wo wir diese aufbewahrten, und so kam ich viel auf dem Hof herum. Von überall hörte man irgendjemanden aus unserer Gruppe Holz spalten, hämmern oder rufen, überall kam man an den unterschiedlichsten Arbeitsstationen vorbei. Und so gelang uns auch die große Aufgabe der neuen Zaunziehung in nur zwei Tagen, was nicht nur meine Eltern, sondern auch uns selbst freudig überraschte. Ich glaube, dass dies an unserem immer größer werdenden Energieeintopf gelegen haben muss.

Die Abende dieser Tage endeten meistens mit Gitarrenmusik und Gesang am Lagerfeuer. Allysson, der von uns allen am besten Gitarre spielt, versorgte uns immer mit aktuellen Liedern Brasiliens und brachte sie uns bei. Das war wichtig für unsere gemeinsame Zeit und Arbeit, und es war wieder eine neue Zutat für den Energieeintopf, der für den nächsten Tag, die nächste Arbeit gebraucht wurde.

Leonard Ihßen, 18 Jahre

Ich habe mich sehr gut aufgenommen gefühlt. Meine besten Freunde waren Leonard, Simon und Leona. Ich kann meine Eindrücke und Gefühle nicht in Worte fassen und möchte einfach nur alle umarmen. Es ist so schön, dass die Freundschaft eine so lange Zeit hält.

Allysson Ryann Costa Pereira, 19 Jahre

Mhhhhhmmmmarmelade! Aus „sauer“ wird „süß“!

Als wir über die Verfügbarkeit von Lebensmitteln mit unseren brasilianischen Freunden gesprochen haben und dass bei uns in Deutschland im kalten Winter nichts wächst und wir Obst nur in den Sommermonaten ernten könnten, waren sie doch ein wenig überrascht. In Brasilien wachsen die Früchte das ganze Jahr über und in jedem Monat können sie anderes Obst ernten, das sie in unserem Gemeinschaftsprojekt „Fruticultura“ in Porto dann zu Fruchtmus verarbeiten. So wollten sie zum Vergleich dazu gern einmal kennenlernen, welche Obstsorten wir in Deutschland hätten und wie wir sie denn haltbar machen würden.

Also haben wir heute all unsere Schüsselchen, Töpfe und Eimer aufgetrieben und sind von der Schule aus Richtung Weetzen gelaufen, denn an den Bahngleisen ist der ganze Hang voll mit Brombeeren bewachsen. Auf 500 Metern Länge verteilten wir uns und sammelten zunächst schweigend vor uns hin. Nach einer kleinen Auseinandersetzung über das folgende Programm war die Stimmung ungewöhnlich ruhig und gedämpft. Die Büsche waren dicht bewachsen und zerkratzten uns Arme und Beine. Trotz der Verdrossenheit füllten sich unsere Behälter mit vielen leckeren dunklen Früchten. Unsere Versuche, die Stimmung wieder aufzuhellen, scheiterten aber kläglich.

Nach einiger Zeit war uns die Lust am Sammeln jedoch vergangen. Wir setzten uns zusammen und sprachen über den noch offenen Konflikt. Es wurden Tränen vergossen und Tränen getrocknet. Schlussendlich saßen wir im Feld und aßen frisch gebackenen Kuchen und hatten uns wieder sehr lieb.

Zuhause auf unserem Gemeinschaftsbauernhof zerkochten wir die Beeren in einem großen Topf zu einer wirklich leckeren Brombeermarmelade, die wir dann auf unserem Schulbasar im November verkaufen wollen. Die erste Portion haben wir aber alle gemeinsam probiert. So konnten wir aus der sauren Laune wieder in jedes Gesicht ein süßes Lächeln zaubern.

Leona Holzki, 18 Jahre

Wir haben Hunger!

Unsere brasilianischen Freunde wohnten in der ersten Woche ihres Aufenthaltes jeweils zu zweit in deutschen Gastfamilien und lernten ein wenig unser Familienleben kennen. In den verbleibenden zwei Wochen lebten wir gemeinsam, insgesamt gut 20 bis 25 Personen, auf dem Hof der Familie Ihßen.

Unser Programm war voll an Aktivitäten und so war der Hunger nie weit. Doch wie ernährt man so eine große Gruppe? Wir hatten bis dahin alle noch keine Erfahrung mit diesem Problem gemacht. Unsere Gruppe setzte sich aus Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren zusammen, eine Altersstufe, die für ihr Wachstum viel Nahrung aufnehmen muss. Es sollte drei Mahlzeiten am Tag geben, Frühstück, Mittag- und Abendessen. Je nach Programm musste statt Mittagessen auch ein Lunchpaket reichen.

Allein schon unsere erste Einkaufliste ließ uns nach Luft schnappen, wie sollten wir das alles bezahlen? Jeden Tag mussten wir losfahren, um neue Vorräte einzukaufen. Weil wir Unmengen an Essen benötigten, blieb uns nichts anderes übrig, als sehr billig und so nicht gerade qualitätsvolle Produkte zu kaufen. Doch das schlug bei uns aufs schlechte Gewissen.

Da unser Thema dieses Besuchs sowieso die Grundlagen unserer Ernährung war, wollten wir uns gemeinsam mit den Brasilianern mit der Frage beschäftigen: Billig kaufen und mehr Geld für unsere Projekte in Brasilien übrig haben? Oder Qualitätsware kaufen und somit hier mehr Geld ausgeben, welches wir dann nicht mehr in Brasilien hätten? Doch bevor man sich an so eine Frage heranmachen kann, muss man sich erst einen Überblick verschaffen, was denn gute Ware ist.

Wir haben gemeinsam eine Marktforschung in verschiedenen Supermärkten und Discountern gemacht. Das Ergebnis hat uns gewundert. Nach vielen weiteren Diskussionen - auch dem gemeinsamen Ansehen des Films „We feed the World - Essen Global“ haben wir unsere Einkaufsgewohnheiten dann doch noch angepasst. Mit schlechtem Gewissen schmeckt das Essen einfach nicht!

Leona Holzki, 18 Jahre

Die Zeit in Deutschland war großartig, wunderbar. Mir hat die gemeinsame Arbeit, die Zeit, die wir zusammen verbracht haben, sehr gefallen, dass ich alte Freunde wiedergesehen habe und neue gefunden. Unser Weg ist voll von Fröhlichkeit und guten Dingen. Es ist schön, dass ganz neue Familien in Deutschland hinzugekommen sind, auch die Eltern und ganz viele Geschwister.

Ich möchte allen danken. Danke besonders auch an Leonard für sein spezielles Einfühlungsvermögen. Ich finde keine Worte mich zu bedanken für die viele Arbeit der Organisation, die Aufnahme, die Freundschaften. Mein Herz ist voll, ihr seid meine Familie, nicht nur Freunde.

Natiele Oliveira De Sousa, 20 Jahre 

 

Es war verrückt und total unglaublich, ihr seid ganz besondere Freunde. Ich habe gute Erfahrungen für die Zukunft in Deutschland gemacht, vielen Dank dafür.

Ich habe mich in beiden Familien sehr wohl gefühlt und mich gefreut, neue Projektmitglieder kennengelernt zu haben. Es waren Erfahrungen, die ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde. Alles war gut, auch die Diskussionen.

Geovana Priscila De Oliveira Sousa, 17 Jahre

 

Ich habe vier neue Eltern bekommen. Die Brasilianer haben sich hier noch viel besser kennengelernt, es waren nur positive Erfahrungen. Manchmal hatten wir zu wenig Zeit für unser Make-up, weil immer einer drängelte und rief: „Vamos!“ Es war sehr vergnüglich, unglaublich interessant, die Organisation und Pünktlichkeit der Deutschen zu erleben. Anfangs war ich etwas sauer, so früh aufstehen zu müssen. Ich habe viele unglaubliche Erinnerungen gesammelt. Es ist zu viel passiert, um es in Worte fassen zu können.

Ariana Alves Geronço, 22 Jahre

Zusammenleben

Schon Wochen, bevor die Brasilianer kamen, habe ich mich gefreut, weil ich wusste: bald ist es so weit, bald sind sie wieder da. Als sie dann am Flughafen ankamen, war ich - und ich glaube auch die anderen - kaum noch zu halten. Ich habe mich darauf gefreut, etwas mit allen zu unternehmen und zu erleben, gemeinsam zu wohnen und auch viel Spaß zu haben. Trotzdem war ich etwas nervös, weil Natiele bei mir zu Hause für eine Woche wohnen sollte. Ich war nervös, weil ich nicht wusste, ob es ihr bei mir gefällt, ob sie das Essen mag, wie das mit der Verständigung klappt... Aber schlussendlich war meine Nervosität und meine Angst völlig unbegründet.

Nach dieser ersten Woche haben wir alle (Deutsche und Brasilianer) noch zwei weitere Wochen auf einem Bauernhof gewohnt. Das war das Schönste an dem ganzen Austausch. Es war schön, sich mit allen zu unterhalten, während wir am Lagerfeuer saßen, es war schön, mit ihnen Spaß zu haben und mit ihnen umzugehen im normalen Tagesablauf, alle Fragen sofort stellen zu können, auch wenn die Verständigung manchmal noch recht schwierig war. Es fühlte sich an, als würde es Routine sein, als wäre alles so, wie es sein sollte. Und daran sollte sich auch nichts ändern, bis zum Tag der Abreise, da waren alle den Tränen nahe, einige haben auch geweint.

Als wir Deutschen danach noch einmal auf den Bauernhof gefahren sind, um den Rest aufzuräumen und sauberzumachen, war es so, als würde etwas bzw. jemand fehlen und zwar nicht nur einer/eine sondern acht Brasilianer und deren pure Lebensfreude.

Sharon Görisch, 16 Jahre

Es war eine sehr beeindruckende Reise. Ich kann meine Gefühle gar nicht ausdrücken. Es war ja nicht nur die schöne Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben. Ich habe viele Anregungen für mein Leben erhalten. Wir haben über den Erhalt unserer Umwelt gesprochen, über die Gerechtigkeit in der Welt, über Hunger und Überfluss. All die Eindrücke, die ich in Deutschland bekommen habe, werden mich noch lange beschäftigen und mein Leben verändern.

Francisco Rodrigues De Carvalho Neto, 23 Jahre

Gemeinsam arbeiten

Ich habe so viele schöne Erinnerungen an den Besuch der Brasilianer, deswegen weiß ich nicht, wo ich anfangen soll.

Es gibt in unserer Schule ein Baumhaus auf dem Schulhof der 1. und 2. Klasse, das haben wir mit den Brasilianern renoviert. Das Dach war morsch und an einigen Stellen schon völlig durchgefault. Zuerst mussten wir die alte Dachdeckung aus Teerpappe, die Schalung und die morschen Sparren abreißen - natürlich in Flip-Flops, wie es die Brasilianer in ihrer Heimat gewöhnt sind - und haben die alten Bretter dann zum Wertstoffhof gebracht. Als wir dort angekommen waren, haben alle mit angepackt und die Bretter in den Container geschmissen. Es war lustig, gemeinsam dort hinzufahren. Denn sie haben gestaunt, wie viele verschiedene Container es dort gibt und wie sorgfältig die Deutschen ihren Müll dort trennen. Das gibt es in Porto nicht.

Doch dann sahen unsere brasilianischen Freunde zwei fast kaputte Fußbälle in einem Container und haben gefragt, ob sie die haben können. Der Mitarbeiter schenkte ihnen die Bälle, obwohl man nichts mehr aus den Containern nehmen dürfte. Sie haben sich sehr darüber gefreut und meinten, so einen Ball bekomme man niemals in Brasilien geschenkt. Ich fand es schön zu sehen, dass man mit kleinen Dingen soviel erreichen kann und die Freude in den Gesichtern sieht.

Danach ging es wieder zur Schule, wo wir weiter am Dach arbeiteten. Wir mussten nun einen neuen Dachstuhl bauen. Leo und ich hatten gerade ein Praktikum in einer Zimmerei gemacht und haben versucht, das Ganze ein bisschen anzuleiten. Aber die brasilianischen Jungs waren handwerklich sehr geschickt und selbstständig.

Zuerst haben wir die Balken zugeschnitten und mit Winkeln zusammengehämmert. Die brasilianischen Jugendlichen kannten die Konstruktion deutscher Dächer noch nicht und waren begeistert, den selber bauen zu dürfen. Fast alleine montierten sie dann den Dachstuhl. Zusammen haben wir dann Bretter und Dachpappe befestigt.

In der Zwischenzeit haben einige andere die Fassadenbretter für den Neubau der 1. und 2. Klasse gestrichen, der nach den Ferien eingeweiht werden sollte. Als sie später ein Foto des fertigen Neubaus zur Einschulung auf facebook gesehen hatten, waren sie sehr stolz, daran mitgewirkt zu haben.

Endlich war alles fertig und am Ende waren alle ziemlich kaputt, aber auch stolz auf die geleistete Arbeit. Zum Abschluss haben wir dann gegrillt und den Abend bei Lagerfeuer und Gitarre ausklingen lassen.

Es war ein schöner Tag, wo ich gemerkt habe, wofür ich eigentlich am Projekt teilnehme. Wir haben völlig harmonisch und gleichberechtigt nebeneinander gearbeitet, jeder hat seine Fähigkeiten mit eingebracht, es gab keine Hierarchien und keine Unterschiede. Dies erleben zu dürfen, die Erfahrungen, die ich heute wieder gesammelt habe, sind ein Glück für mich. Man kann die Welt doch ein kleines bisschen selbst mitgestalten. Und das ist so gut.

Simon Ferenz, 18 Jahre

Die Organisation war sehr beeindruckend. Beide Seiten sollten mehr die Sprache der anderen lernen. Ich wünsche mir noch mehr persönliche Kontakte, auch ohne die Hilfe eines Übersetzers. In Brasilien sind die Eltern sonst nicht im Projekt dabei, das ist in Deutschland sehr gut. In Brasilien können uns die Eltern nicht helfen.

Das Programm war sehr gut. Es war sehr abwechslungsreich, die Arbeitseinsätze waren sehr gut verteilt. Mir haben die Arbeiten in der Schule und auf dem Bauernhof in Esperde sehr gut gefallen. Manchmal hätten wir gern auch ein bisschen mehr arbeiten können. Schade, dass nicht immer aller Deutschen dabei sein konnten, aber ich verstehe, dass sie sehr beschäftigt sind.

Rafael Assunção De Carvalho, 26 Jahre

Den Horizont erweitert

Der Besuch der Brasilianer hier bei uns war sehr interessant. Wir haben alle zusammen in einem Haus gewohnt, dadurch konnten wir uns viel besser kennen lernen. Ich fand es schön mit allen zusammen zu wohnen, weil man so viel mehr Zeit miteinander verbringen konnte. Es gab ständig Gelegenheit, auch über Alltägliches zu reden, über alle Fragen, die uns ständig spontan eingefallen sind. Wir haben zusammen gekocht, über das Essen philosophiert und nach dem Essen gemeinsam am Lagerfeuer gesessen und weiter geredet.

Das Treffen mit dem Bürgermeister von Wennigsen hat mir sehr gut gefallen, wir hatten ein spannendes Gespräch über Politik und die Möglichkeit daran teilzuhaben.

Die Brasilianer haben viel von sich und ihrem Leben in Brasilien erzählt, das fand ich sehr gut! Ich habe noch mehr vom Leben auf diesem so aufregenden Kontinent erfahren und mein Blick auf die Welt hat sich nochmals erweitert. Das Gleiche haben uns auch unsere brasilianischen Freunde erzählt.

Anne Bödeker, 16 Jahre

Ich danke Gott für diese Reise. Alle Erfahrungen, die ich mitnehmen werde und von denen ich lernen kann, waren es wert. Ich habe gesehen, wie viel ihr deutschen Freunde für uns tut, da kann ich gar nicht sagen, dass es mir schlecht geht oder irgendetwas wäre nicht gut.

Wir bedanken uns bei allen, besonders bei Leonard. Jetzt weiß ich noch mehr über das Projekt und werde noch mehr tun, z.B. bei 40°C in der Sonne die Pflanzen auf unserer Plantage wässern. Die Reise ist eine große Belohnung dafür.

Es war schön, dass wir Marmelade eingekocht haben. Ich hätte gern noch mehr gesehen, was mit unserem Projekt Fruticultura zu tun hat. Unsere Sicht auf das gemeinsame Projekt ist jetzt komplett. Das Projekt kann weitergehen, es gibt neue Pläne, das ist gut.

Paulo Henrique Carvalho da Silva, 26 Jahre

Besuch in Berlin

vor dem Reichstagsgebäude
Brasil09 am Brandenburger Tor
Gedenkstätte Berliner Mauer
Besuch im Deutschen Bundestag
im Berliner Dom



Holocaust-Gedenkstätte

im Historischen Museum Berlin