Deutschland 2010

Es war die vierte Begegnung von Jugendlichen aus Porto und Sorsum seit März 2008 und der zweite Besuch unserer Partner bei uns in Deutschland. Daher konnten sich am Abend des 24. Juli am Flughafen Hannover Freunde in die Arme fallen. Die brasilianischen Jugendlichen schauten mit großen Augen in bekannte Gesichter in einer für sie fremden Welt.

Sich nicht aus dem Rhythmus bringen lassen

Am Samstagabend, dem 24. Juli war es soweit. Etwa 25 deutsche Jugendliche durften ihre elf brasilianischen Freunde in die Arme schließen. Das Gefühl war unbeschreiblich. Noch wartend sangen wir alle deutschen und brasilianischen Lieder, die uns seit zwei Jahren begleiteten. Komische Blicke anderer, auch sehnsüchtig wartender Leute machten so gar nichts aus. Es kommen ja leider nicht jeden Tag brasilianische Freunde aus unserem Projektort Porto an. Nach einer zweitägigen Reise und vielen Flugstunden merkte man nicht nur die Freude, sondern auch die Erleichterung, endlich angekommen zu sein.

Zweieinhalb Wochen mit strammem Programm lagen vor uns und dass wir am nächsten Tag schon wieder früh aufstehen mussten, verdrängten die Deutschen und erzählten es den Brasilianern gar nicht erst. Ich hatte das Glück, zwei der elf Freunde für die gesamte Zeit aufnehmen zu dürfen. Da Brasilianer grundsätzlich länger für alles brauchen, weckte ich sie am nächsten Tag etwa zwei Stunden vor der Abfahrt. Ja, die Brasilianer achten sehr auf ihre Körperpflege und Stress tut ja bekanntlich keiner Haut gut. Dennoch hatten wir massig Zeit zum Frühstücken und zur Vorbereitung des Tages. Unsere neue Großfamilie, von drei auf fünf Personen aufgestockt, lernte sich so langsam kennen. Der größte Unterschied ist sicher die Sprache, doch schnell stellten wir fest, dass es zwar angenehm ist die Sprache zu sprechen, doch lässt es sich mit Händen und Füßen auch ganz gut kommunizieren. Die langen Tage und kurzen Nächte (übrigens auch nicht gut für die Haut) vergingen wie im Flug.

Ein Highlight krönte das nächste.

Der Besuch in Berlin war unglaublich spannend. Nun war man als Deutscher vielleicht schon mal in Berlin gewesen und hat auch den Reichstag schon von innen gesehen, doch ist man dort mit einer Gruppe von Jugendlichen und zwei Betreuern aus Brasilien, sieht man den Reichstag mit anderen Augen. Man stelle sich vor, alles ist neu für das Auge. Die ganze Geschichte um dieses historische Gebäude, ganz zu schweigen von den atemberaubenden Mauern, die massiv und luftig zugleich sind. Auch das Historische Museum war spannend. Wenn man vergisst, dass man die Geschichte des 3. Reichs schon vier mal in der Schule durchgekaut hat und alles unter einem „neuen“ Blick sieht und trotzdem noch tiefgehende Fragen beantworten kann (auf Portugiesisch wohlgemerkt), hat man einige interessante Stunden verbracht.

Nach einer Woche in den Familien und vielen gemeinsamen Unternehmungen stand ein Drei-Tagesausflug ins Heuhotel in der Lüneburger Heide an. Diese drei Tage waren unglaublich wichtig für die Gruppe. Alle waren zusammen, aber man konnte sich auch zurückziehen, da man bald den ganzen Bauernhof kannte. Gleichzeitig fanden immer noch Tanzproben der Tanzgruppe statt und man sah nicht selten Deutsche grinsend und zufrieden daneben sitzen. Diese Tänze sind einfach unglaublich und kaum zu beschreiben. Jeder der Tänzer hat seinen eigenen Stil und trotzdem kommen sie immer alle zusammen und halten die Choreografie ein. Setzt jemand einen Schritt falsch, fällt dies meist gar nicht auf, da der Rhythmus nie verloren geht. Das ist eine Sache, die die Deutschen sicher noch von den Brasilianern lernen können: sich nicht aus dem Rhythmus bringen lassen, weder beim Tanzen noch generell im Leben. Dabei halfen auch die vielen netten Worte wie: Calma, Lou! (Beruhige dich, Lou!) und Relaxa, Lou! (Entspann dich, Lou!), wenn ich mit einiger Organisation mal wieder meinte überfordert zu sein. Wenn man sich nicht so leicht aus dem Rhythmus bringen lässt, wirkt man auch nicht so leicht überfordert. Das ist eine Erkenntnis, die ich an diesem Austausch sehr schätze.

Weitere Aspekte sind Respekt, Verständnis und „Verstehenwollen“ in einem Austauschprogramm. Ohne diese Aspekte würden zwei Kulturen aufeinanderprallen und keine Möglichkeit haben Probleme lösen zu können. Wenn ich nicht verstehen will, warum und wie der andere handelt, wird es ganz schwer, auf eine Ebene zu kommen, sich zu verstehen und voneinander zu lernen.

In der zweiten Woche fand das krönende Highlight der Reise statt. Die Brasilianische Nacht in der Schule mit eineinhalb Stunden Tanzvorführung unserer brasilianischen Freunde. Die ganze Woche über wurde auf Hochtouren gearbeitet und ein atemberaubender Abend auf die Beine gestellt. In deutsch-brasilianischer Zusammenarbeit war diese, nun schon dritte, Brasilianische Nacht ein voller Erfolg.

In den letzten Tagen des Besuchs wurden viele Zukunftsgespräche geführt und Ideen für die Projektarbeit der nächsten Jahre geschmiedet. Der Besuch bei Kolping International in Köln war durch die gedankliche Vorbereitung innerhalb der Gruppe ebenfalls ein voller Erfolg, da die Kolping-Mitarbeiter von unseren Ideen sehr angetan waren und sogar  ganz neue Umsetzungsvorschläge hatten. Mit so viel Offenheit haben wir gar nicht gerechnet und noch am selben Abend gingen Mails nach Brasilien, um Erfahrungsberichte und Kostenvoranschläge von Projekten anzufordern, die unseren Ideen ähneln.

Dieser Besuch der elf brasilianischen Freunde war unglaublich wertvoll. Dies wird mir im Nachhinein immer deutlicher vor Augen geführt. Diese Ideenentwicklung untereinander, diese Inspiration, wenn man zusammen in einem Raum sitzt. Fragen über Fragen, die niemand über Email oder Telefon hätte beantworten können. Nach zweieinhalb atemberaubenden, anstrengenden, inspirierenden Wochen setzten sich die Brasilianer ins Flugzeug in die Heimat mit Impressionen und Gedanken, die für sie unvergesslich bleiben werden.

Ebenso bleiben wir zurück mit dem Willen und der Inspiration weiter zu machen.

Diese Freundschaft muss ausgebaut werden. Die Jugendlichen in Porto verdienen Chancen. Sicherlich gibt es hunderttausende Jugendliche in Amerika, Asien und Afrika, die auch ihre Chance verdient haben und doch merke ich immer, wie wichtig der persönliche Kontakt ist und dass nur auf dieser Basis des Vertrauens ein Fortschritt gelingen kann und die Steine weitere Kreise ziehen können.

Das Projekt wird weiterleben mit Herz, Hand und Verstand.

O projeto vai sobreviver com o coração, a mão e o razão.

Louisa Mittmann

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