Unbekannte kommen, Freunde gehen

Erster Besuch der Brasilianer, 7. - 21. Oktober 2008

Wir hatten die Tage bis zur Ankunft gezählt. Mit Fahnen und selbst gebastelten Transparenten warteten wir am 7. Oktober 2008 am Flughafen in Langenhagen und schauten immer wieder auf die Uhr. Endlich: Bernadete, Socorrinha, Fanka, Daniella, Jonas, John Lennon, Marcelo und Eudelano kamen durch das Drehkreuz. Sie strahlten uns an. Die Jugendlichen waren zuvor nie im Ausland gewesen, waren noch nie geflogen und hatten noch nie einen Zug gesehen... Auf der Fahrt zu den Gastfamilien drückten sie sich die Nasen an den Fensterscheiben platt.

Die Brasilianer begleiteten uns in die Schule und nahmen am Unterricht verschiedener Klassen teil. Viele Lehrer und Schüler hatten geübt, sie auf Portugiesisch zu begrüßen. Die Jugendlichen erzählten uns, dass sie selbst keine praktischen Kurse in der Schule haben und Fächer wie Malen, Schnitzen und Singen sehr mochten. Für die deutschen Schüler hingegen waren die ausländischen Gäste in diesen Tagen deutlich interessanter als der Unterricht. 

Bei der ersten Brasilianischen Nacht in Sorsum hieß es dann „Bühne frei für die Tänzer aus Porto“. Die Jugendlichen hatten versprochen, sich mit brasilianischen Tänzen bei uns zu bedanken und übertrafen alle Erwartungen. Mit Samba, Forró, Quadrilha und Carimbo wirbelten sie sich in die Herzen der Schulgemeinschaft und steckten uns mit ihrer Lebensfreude an. Hinter der Bühne fielen wir uns in die Arme. Wir spürten, wie viel wir uns gegenseitig schenken konnten, bekamen Anerkennung für unsere Arbeit und wuchsen Stunde um Stunde fester zusammen.

In der zweiten Woche der Begegnung hatten wir Herbstferien und waren rund um die Uhr unterwegs. Wir fuhren nach Köln zu Kolping International, gingen an das Grab von Adolph Kolping und stiegen auf den Kölner Dom. Unser Schirmherr Hauke Jagau lud uns nach einem Besuch im Haus der Region in den Zoo Hannover ein, wir schauten dem Training von Hannover 96 zu und trafen den brasilianischen Spieler Vinicius Bergantin. Im Eisstadion schnürten wir den Brasilianern die Schlittschuhe und sie wagten sich zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Eisfläche. In Workshops brachten die Freunde Schülern und Eltern brasilianische Tanzschritte bei und drehten immer wieder eine zusätzliche Pirouette, ohne dabei ein einziges Mal aus dem Rhythmus zu kommen. 

Nach wenigen Tagen fehlte den Gästen der Reis- und Bohneneintopf, der in der Heimat täglich gegessen wird. Also stellten die Gastmütter kurzerhand den Essensplan um und von nun an gab es jeden Tag das brasilianische Nationalgericht in den deutschen Küchen. Eine weitere Umstellung für die Brasilianer war unser Zeitmanagement. Sie bestaunten Fahrpläne für Bus und Bahn und konnten einfach nicht verstehen, warum wir es ständig eilig hatten. Zu den vereinbarten Treffen schafften wir es daher selten pünktlich und öffentliche Verkehrsmittel wurden in der Regel verpasst.

Über die einfachsten Dinge unseres Alltags freuten sich die Gäste. Nachdem sie entdeckt hatten, dass sich die Temperatur von Heizkörper und Duschwasser regulieren lässt, sorgten sie für tropisches Klima in Norddeutschland. Beim ersten Frühstück schraken sie noch zusammen, als das geröstete Brot selbsttätig aus dem Toaster sprang. Beim zweiten Mal schauten sie genau hin und bestrichen den Toast anschließend gleich beidseitig mit Nutella.

Wir deutschen Jugendlichen lernten unser eigenes Leben in diesen zwei Wochen mit neuen Augen kennen. Jede Sekunde wurde ausgekostet. Unser Portugiesisch verbesserte sich rasant, denn nichts war so schön, wie einander zu verstehen.

Als wir uns am frühen Morgen des 21. Oktobers zum Abschied in die Arme fielen, kullerten hier und da Tränen die hellen und dunklen Wangen hinunter. Das Flughafenpersonal ermahnte uns mehrfach, bevor wir die Freunde aus unseren Umarmungen entließen und sie in die Abflughalle eilten.

Wir standen da und fühlten uns einsam. Unbekannte waren gekommen, Freunde waren gegangen. Sie hatten eine große Leere hinterlassen.

 

Bilder der Brasilianischen Nacht 2008 finden Sie in der Mediathek.