... und alle Strapazen sind vergessen

Unsere Ankunft

Noch ein Atemzug. Noch einen Schritt. Ich steige aus dem Flugzeug und sehe mich um. Es ist schwül, kein Lüftchen regt sich, die Sonne sinkt langsam und taucht den Flughafen in ein rosiges Licht. Ich steige die Stufen hinunter und wir können uns kaum noch halten. Wir haben es geschafft! 

Hinter einer Scheibe entdecken wir einige unserer brasilianischen Freunde, die aufgeregt auf uns warten. Es trennt uns nur noch eine Tür, doch als die sich öffnet, gibt es kein Halten mehr. Laut lachend und jubelnd fallen wir uns in die Arme und alle Reisestrapazen sind vergessen. 

Nach einer Nacht in Teresina fahren wir mit dem Bus weiter nach Porto, unserer Partnerstadt. Ich lehne mich aus dem Fenster und die Sonne kitzelt mich an der Nase, an den Wegrändern grasen Ziegen, Rinder und Schweine. Staub wirbelt mir ins Gesicht und ich muss die Augen schließen. Nach vier Stunden Fahrt gelangen wir endlich an unser Ziel. Wir jubeln laut, als der Bus das Ortsschild erreicht. Wir halten vor unserem Haus, das an einen großen öffentlichen Platz grenzt, eine gepflasterte Straße führt durch den Ort hinunter zum Fluss. Aus den bunten Häusern und Läden gucken neugierige Menschen. Wir steigen aus und werden von unseren Freunden in Empfang genommen. Immer mehr strömen herbei. Wildfremde Menschen und alte Bekannte fallen uns zur Begrüßung um den Hals.

Gemeinsam laufen wir zum Jugendzentrum, das 2009 bei dem ersten Austauschbesuch mit der damaligen 12. Klasse errichtet wurde. Dort haben unsere Freunde ein kleines Willkommensfest für uns vorbereitet.

Fruticultura

Es waren ein paar Tage zum Kennenlernen und Eingewöhnen vergangen. Unsere brasilianischen Partner hatten sich noch nicht getraut, ein Grundstück für die neue Obstplantage zu kaufen. Nun fuhren wir mit einigen brasilianischen Jugendlichen auf einem kleinen Lastwagen zu einem Grundstück, das uns zum Kauf angeboten wurde. Ein Bauer zeigte uns das Grundstück. Es war ein undurchschaubares Dickicht aus Gestrüpp, einzelne hohe Kokosnusspalmen erstreckten sich gen Himmel, Pflanzen mit Stacheln an den Blättern zerkratzen uns die Beine und Ranken versperrten uns den Weg. Doch dazwischen fanden wir überall die süßesten Früchte. 

Am nächsten Morgen ging ich mit Mylla, unserer brasilianischen Betreuerin, einkaufen und wir kamen am Markt vorbei. Dort türmten sich die verschiedensten Früchte, von Açerola über Zitronen, Orangen, Ananas, Kokosnüssen bis hin zu großen Melonen und noch vieles Unbekannte. Sogar Kakaobohnen gab es. Wir freuten uns, dass wir bald unsere eigenen Früchte ernten können.

Nach zwei bis drei Tagen Kaufverhandlungen um das Grundstück konnten wir mit unserer Arbeit auf dem Feld beginnen. Unser Grundstück war drei Kilometer vom Ortszentrum Portos entfernt, eine Strecke, die wir häufig zu Fuß laufen mussten, wenn nicht gerade ein netter Lastwagenfahrer uns mitnahm. Die Arbeit war anstrengend, da die Sonne senkrecht über uns stand. Und da nur wenige Palmen unser Grundstück bewuchsen, gab es keinen Schatten. Doch mit viel Wasser, Sonnenmilch und Spaß arbeiteten wir gemeinsam, ohne viele Worte, Brasilianer und Deutsche, Hand in Hand. Unsere Arbeit bestand darin, dass wir den Boden bearbeiteten, Wildpflanzen und einzelne Palmen entfernten. Wir wuchsen während der Arbeit immer fester zusammen und so entstanden feste Freundschaften. Kurz vor unserer Abreise kam ein Bagger, der die morschen Palmen stapelte und anschließend wegbrachte. Das Grundstück war so vorbereitet für die weiteren Arbeiten zum Anlegen der Plantage und Anpflanzen der ersten Obstbäume.

Porto

Die Menschen in Porto haben nicht viel eigenen Grundbesitz. In kleinen Häusern und Hütten lebt oftmals eine ganze Familie. In den etwas wohlhabenderen Familien ist an jeden Schlafraum noch ein Bad angeschlossen. Die erfahrenen Reiseteilnehmer erzählten uns, dass das in Brasilien so üblich ist. Häufig fällt in Porto die Wasserversorgung aus. Gab es mal wieder kein Wasser in Toilette oder Dusche, wurden Eimer angeschleppt. Auch sonst fanden die Leute in Porto immer eine Lösung für Probleme, die in Deutschland eine kleine Katastrophe gewesen wären. Im Garten pflanzen sie ihr eigenes Gemüse oder halten Hühner zur eigenen Versorgung. 

Die Bildungschancen in Porto sind gering und ebenso die Chance auf eine Arbeitsstelle. Wir lernten einen jungen 18-Jährigen kennen, der sich selbständig Englisch beigebracht hat. Jetzt spricht er besser als seine Lehrer und unterrichtet für ein geringes Gehalt an einer staatlichen Schule in Porto. 

Begegnungen und Kulturaustausch

Nicht nur auf dem Feld verbrachten wir Zeit mit den Jugendlichen, wir veranstalteten Fußball-Turniere, gingen an den Fluss zum Baden und trafen uns zum Tanzen. Dank unserem Tanzlehrer, John Lennon, erlernten wir den Tanzschritt Forró und studierten gemeinsam eine Quadrilha ein. Dabei lernte John wiederum das Zählen auf Deutsch.

An einem Wochenende machten wir gemeinsam mit einigen brasilianischen Jugendlichen eine kleine Reise ans etwa 250 Kilometer entfernte Meer. Auf der Hinreise hielten wir an Wasserfällen, die zu dieser Jahreszeit trocken waren. Wir wurden von einer uns unbekannten Familie aufgenommen und herzlich bewirtet und schliefen bei ihnen im Haus und auf der Veranda. Wir setzten die Reise um zwei Uhr morgens fort und kamen gegen Mittag an einem kleinen Hafen am Rio Parnaíba an. Einige Stunden fuhren wir nun mit dem Schiff durch einen Palmenwald, an großen riesigen Sanddünen vorbei durch das drittgrößte Flussdelta der Erde, bis wir den Atlantik erreicht hatten. Für einige unserer brasilianischen Freunde war es das erste Mal, dass sie das Meer erblickten. Es war ein überwältigendes Erlebnis. An einem endlosen menschenleeren Sandstrand warfen wir uns gemeinsam ins Meer. Riesige Wellen kamen mir entgegen und rissen mich mit, kaum dass ich wieder stand, kamen schon die nächsten. Wir warfen uns gegen die Wellen, bis Mund und Augen voll mit Salzwasser gefüllt waren und das Schiffshorn tutete. Auf dem Rückweg hielten wir in einer Dünenlandschaft am Fluss an. Der heiße Sand brannte unter meinen Füßen und ich lief schnell den anderen hinterher. Gemeinsam entdeckten wir hinter einigen Sanddünen einen kleinen See. Während ich durch das Wasser ging, sprangen einige Jungs von den Dünen. Bevor das Schiff ablegte, schwammen wir noch gemeinsam im Rio Panaíba. Bei der Weiterfahrt entdeckte ich kleine Affen, die zwischen den Bäumen hin und her hüpften und spielten.  

An unserem letzten Wochenende nahmen wir mit 200 jungen Brasilianern aus Porto an einer Wallfahrt nach Campo Major teil. Auf offenen Lastwagen fuhren wir viele Stunden quer durch den Bundesstaat Piauí. Nach vielen Ansprachen und Reden endete die Wallfahrt mit einem Gottesdienst unter freiem Himmel.

Und dann veranstalteten wir „Spiele ohne Grenzen“, Brasilianer gegen Deutsche. Wir malten unsere Gesichter lustig an, gestalteten einen Staffellauf und mussten mit 14 Jugendlichen auf fünf kleinen Pappstücken den Raum durchqueren ohne loszulassen oder den Boden zu berühren und spielten viele weitere lustige Spiele. Anschließend liefen wir alle zum Fluss, um unsere Bemalungen abzuspülen.

Abschied und Abreise

Am Abend, bevor wir wieder in unsere Heimat reisen mussten, wurde ein großes Fest veranstaltet. Es trat eine junge Band auf und die Tanzgruppe aus Porto, die schon etliche Preise gewonnen hatte, und als Höhepunkt kamen wir. Die brasilianischen Jugendlichen hatten mit viel Aufwand unsere Kostüme zusammengestellt und uns zurecht gemacht. In knallbunten Kostümen, geschminkt und top frisiert führten wir unsere Quadrilha auf. Unsere Begeisterung dabei war größer als unser tänzerisches Können, aber wir hatten alle viel Spaß dabei. 

Am Tag unserer Abreise gab es ein gemeinsames Essen mit deutschen und brasilianischen Rezepten. Wir speisten, lachten, fotografierten, erzählten und übergaben unsere letzten Gastgeschenke. Alle waren froh und guter Dinge. Doch dann kam der Bus und die Stimmung kippte, keiner hätte gedacht, dass die vier Wochen so schnell vergehen würden. Wir hielten uns zum letzten Mal in den Armen und ließen unseren Tränen freien Lauf. Jeder spürte die Dankbarkeit, die von den Menschen - unseren Freunden - ausging. Das war wahrscheinlich einer meiner glücklichsten Momente, denn man merkte, wie wichtig wir ihnen sind und wie viel dieser Austausch den Menschen bedeutet. Doch nicht nur sie, auch wir waren für diese wunderschöne Zeit sehr dankbar. In diesem Abschiedsmoment luden wir wieder eine Gruppe ein, uns im nächsten Sommer 2012 in Sorsum zu besuchen. Unter großem Jubel schlossen sich die Türen.

Leona Holzki