Centro da Juventude - Ein Jugendbildungszentrum für Porto

Als wir 2007 das Entwicklungsprojekt Brasil09 ins Leben riefen, wollten wir vor allem helfen. Mit Geld, das wir selbst erarbeitet und gesammelt hatten und vor allem mit unseren eigenen Händen. Doch was brauchten Kinder und Jugendliche in Brasilien am meisten? Diese Frage stellten wir den Brasilianern in Porto.

Als Antwort beschrieb die Kolpinggemeinde Porto ein Projekt, das den Bau eines Jugendbildungszentrums und verschiedene Bildungskurse vorsah. Weil die meisten Jugendlichen in Porto in armen Verhältnissen aufwachsen und die Lehrer nicht ausreichend ausgebildet sind, um ihnen eine umfassende Grundausbildung zu ermöglichen, haben viele nur ein geringes Selbstwertgefühl. Sie trauen sich nur wenig zu. Das zu ändern, ist eines der Hauptziele der Kolpinggemeinde Porto.

So begann unser Projekt in Brasilien mit "Encontros de convivência", Treffen des Zusammenlebens. 65 Jugendliche aus besonders armen Familien lud die Kolpingfamilie dazu ein. Sie sprachen über ihre Lebenssituation, ihre Ängste und ihre Ziele. Sie spielten Kennenlernspiele und tanzten gemeinsam. Einige Jugendliche trauten sich bei diesen Treffen das erste Mal, vor einer großen Gruppe von Menschen zu sprechen. 

Neben diesen Treffen, die jeden Sonntag stattfanden, lernten die Jugendlichen Dokumente am PC zu erstellen, wiederholten die vier Grundrechenarten, schrieben und interpretierten portugiesische Texte, bepflanzten das Ufer des Parnaíba zum Schutz vor Überflutungen, tanzten, malten und nähten. Außerdem gab es einen Englischkurs. Zum ersten Mal gab es für die Jugendlichen ein Ziel, eine Fremdsprache zu lernen: Deutsche Jugendliche würden nach Porto kommen. Alle Kurse fanden unter sehr beengten Bedingungen im Haus der Kolpingfamilie statt. 

Nach einem halben Jahr Projektlaufzeit ermunterte Kolping International uns, zwei Botschafter nach Porto zu schicken. Solange wir nicht in Porto gewesen seien, könnten die Menschen kaum glauben, dass wir unser Versprechen halten und die Vorbereitungen würden nur zögerlich anlaufen. Kurzentschlossen flogen Larissa Holzki und Jorinde Bartels im März 2008 nach Brasilien.

Erst nach diesem Besuch wurde das Projekt wirklich eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Beide Seiten fieberten dem Bau des Jugendhauses entgegen, bei dem endlich alle Beteiligten sich kennenlernen konnten.

Vermutlich wird keiner von uns deutschen Jugendlichen jemals den Tag vergessen, an dem wir in Porto ankamen und zur Baustelle liefen. Den Moment, an dem wir zum ersten Mal die Grundmauern unseres Centros da Juventude erblickten, das wir gemeinsam mit den brasilianischen Freunden fertigstellen wollten. Nach zwei langen Jahren, in denen wir alles vorbereiteten, planten, arbeiteten, zweifelten und hofften. Jetzt hatten wir es wirklich selbst in der Hand, dass aus unseren Träumen ein Haus aus Stein und unsere Vision Wirklichkeit werden würde. Wäre es nicht kurz darauf dunkel geworden, hätten wir noch am selben Tag mit der Arbeit begonnen.

Das Ziel nun so klar vor Augen waren wir alle in dem Willen vereint: Wir wollten dieses Gebäude bis zur Abreise fertigstellen. Am nächsten Morgen wurden die Ärmel hochgekrempelt, Steine geschleppt, Sand geschaufelt und Balken gestrichen. In den ersten Tagen blieben viele Deutsche und Brasilianer noch unter sich. Doch nach kurzer Zeit war das Eis gebrochen. Wir arbeiteten Hand in Hand. Die Baustelle wurde der zentrale Ort der Zusammenkunft und die Arbeit schuf ein festes Band der Freundschaft zwischen uns. 

Wir arbeiteten mit einfachen Mitteln. Die Baugerüste wurden aus dünnen Baumstämmen und Draht zusammengebastelt. Leichtfüßig balancierten die Bauarbeiter, die uns bei der Arbeit anleiteten, in Flip-Flops darüber. Bevor der Beton aus Sand und Kies von Hand angerührt werden konnte, mussten wir ihn sieben. Wir staunten, wie die Brasilianer die Werkzeuge, die wir aus Deutschland kannten, ersetzten. Die Bauarbeiter waren ihrerseits ganz verdutzt, dass die deutschen Mädchen ebenso zupackten wie die Jungs. Und die Brasilianerinnen taten es ihnen bald nach.

Vier Wochen arbeiteten wir unter der senkrecht stehenden Sonne. Viele Deutsche schaufelten so übereifrig, dass sie immer wieder Pausen brauchten. Die Brasilianer hingegen gingen die Arbeit gemächlicher an und beeindruckten uns mit ihrer Ausdauer. Als einige von uns erschöpft von der Arbeit, der Klima- und Ernährungsumstellung einen Tag in der Hängematte verbringen mussten, sahen wir ein, dass die brasilianische Arbeitsweise die klügere sein musste.

Nach zwei Wochen konnten wir bereits Richtfest feiern. Das erste Richtfest, das es in Porto je gegeben hat. Aus Hibiskusblüten und anderen Pflanzen banden ein paar deutsche Schüler einen großen Richtkranz und Larissa dachte sich einen Richtspruch aus, der natürlich auch ins Portugiesische übersetzt wurde.

Nach einem anstrengenden Arbeitstag versammelten sich Handwerker, Projektleiter, unsere brasilianischen Freunde, wir Deutschen und zahlreiche Nachbarn unter dem Dachgerüst. Unser Mitschüler Kai Walker und der brasilianische Projektleiter Raimundo Ferreira kletterten unter den Richtkranz. Zuerst sprach Kai den Richtspruch auf deutsch, dann sprach Raimundo den Text auf portugiesisch:

Das Jugendhaus ist aufgericht',
Gedeckt, genutzt wird es noch nicht.
Die Maurer, Putzer, Zimmerleute,
Sind stolz auf diesen Bau hier heute.
Die Wände gerade, der Dachstuhl kühn,
Über den schon viele Wolken zieh'n.
Es flattern im Winde die Bänder am Kranz,
Hier wird das Leben blühen beim Tanz.
Brasilianer und Deutsche Hand in Hand,
Halfen, dass dies Haus entstand.
Und solang' das Bauwerk nicht vergeht,
Wird es verkünden, dass die Freundschaft besteht.

Mit dem Ausruf "Viva a amizade Brasil-Alemanha" - Es lebe die deutsch-brasilianische Freundschaft - prosteten Raimundo und Kai uns zu. Die Handwerker blickten mindestens genauso stolz nach oben wie wir und der ein oder andere wischte sich verstohlen mit dem Handrücken über die Augen.

Die Einweihung des Jugendhauses wurde an unserem letzten Abend in Porto gefeiert. Durch einen gemeinsamen Kraftakt und den unglaublichen Ehrgeiz der Handwerker waren die Wände gestrichen, die Elektrik installiert, die Duschen montiert und im Eingangsbereich plätscherten sogar die Brunnen.

Nach einem feierlichen Gottesdienst in der Kirche, der zu Ehren des Projektes gehalten wurde, zogen wir in einem langen Zug zum Jugendhaus. Viele Jugendliche hatten ihre Familien mitgebracht, die Nachbarn und viele Neugierige kamen und auch viele geladene Gäste aus Politik, Kirche und den überregionalen Kolpingverbänden.

Das Portal des Jugendhauses war mit einem großen roten Schleifenband verschlossen. An jedem Ende versammelte sich eine Gruppe Jugendlicher: Die eine aus Deutschland, die andere aus Brasilien. Dann zogen sie gemeinsam daran und öffneten die Tür. Nicht alle rund 500 Gäste fanden in unserem Festsaal Platz. Sie drängten sich auf dem umliegenden Gelände, um die Reden zu hören.

Besonders in Erinnerung bleibt ein Satz des Präsidenten von Kolping Piauí, Raimundo João da Silva:

"Wenn alle Jugendlichen der Erde die Erfahrungen und Eindrücke dieses Austauschprojektes erleben dürften, dann wäre unsere Welt bald eine andere."