„Fruticultura“ – eine Freundschaft, die Früchte trägt!

Eine Obstplantage zum Lernen und Arbeiten

 

„Fruticultura“ heißt auf deutsch „Obstanbau“ und ist das neue Entwicklungsprojekt der Kolpinggemeinde Porto und der Schülerinitiative Brasil09. Dabei bauen wir in Porto eine Obstkooperative auf. Jugendliche aus Porto lernen Früchte anzubauen und weiterzuverarbeiten, kaufen überschüssige Früchte von armen Familien hinzu und verkaufen ihre Produkte in der Region.

Das Projekt

Auf einem drei Hektar großen Grundstück legen die Jugendlichen einen Obstgarten an. Sie bauen Açerola und Goiaba an und bepflanzen einen Teil des Grundstücks mit vielen verschiedenen Früchten, die den natürlichen Reichtum ihrer Heimat widerspiegeln. Auf 20 Prozent des Grundstückes wollen wir die natürliche Vielfalt erhalten, kennenlernen und schätzen.

Nach drei Jahren können die Jugendlichen ihre ersten eigenen Früchte ernten. Zuvor werden sie Früchte von Familien aus Porto und den stark unterentwickelten Siedlungen im Landesinneren kaufen und verarbeiten. Mit Eselkarren, Fahrrädern und Körben werden die Portuenser zur Casa das Frutas kommen, um mit ihren überschüssigen Früchten einen kleinen Zuschuss zum Lebensunterhalt ihrer Familie zu verdienen. Die Jugendlichen werden die Früchte zu Polpa, gefriergetrocknetem Fruchtfleisch, verarbeiten. Aus diesem können Saft, Fruchtmus und andere regional-typische Lebensmittel gewonnen werden.

Drei Monate lang werden die Jugendlichen eingearbeitet. Dann werden sie erstmals am Gewinn beteiligt. Ihr Lohn ist abhängig von der jeweiligen Ernte, aber auch von ihrem eigenen Fleiß und Engagement. Nach einem Jahr Mitarbeit erhalten sie ein Zertifikat über ihre landwirtschaftliche Grundausbildung. Sie haben vor allem gelernt, wie man sich selbst eine Existenz aufbaut, investiert und kalkuliert.

Hintergrund des Projektes

Die meisten jungen Menschen in Porto haben keine beruflichen Perspektiven. Viele von ihnen ziehen in die großen Metropolen im Süden des Landes, weil sie hoffen, dort Arbeit zu finden. Das erschwert die Entwicklung der Armutsregion.

Die Trockenzeit im Sertão dauert zehn bis elf Monate im Jahr an. Da die Stadt Porto am Rio Parnaíba liegt, hat die Landwirtschaft dennoch Potenzial, denn der Boden ist sehr fruchtbar. Das zeigt sich in der Regenzeit, wenn die verdorrte Landschaft aufblüht und eine große Pflanzenvielfalt hervorbringt. In der Landwirtschaftsschule sollen die Jugendlichen lernen, wie sie sich trotz der schwierigen Bedingungen weitgehend aus eigenem Anbau ernähren können. Diese Möglichkeit wird das Leben vieler Familien in der verarmten Trockenzone langfristig verbessern und erleichtern. Mit der Erfahrung, wie man einen kleinen Betrieb aufbaut, haben sie auch die Chance, sich selbständig zu machen und eine eigene Geschäftsidee umzusetzen.

Entwicklung des Projektes

Die ersten Ideen für ein Obstanbauprojekt hatten die Portuenser 2009. Die konkreten Planungen begannen im Oktober 2010 mit einer Reise von vier deutschen Jugendlichen nach Brasilien. Sie haben gemeinsam mit Jugendlichen und Organisatoren aus Porto Fruchtkooperativen in ganz Piauí besichtigt und sich von den Mitarbeitern beraten lassen. Insbesondere die Lehrer der Landwirtschaftsschule Escola Família Agricola in São João do Arraial sowie die Mitarbeiter der Kooperativen Frutas da Terra in Piripiri und Fruto Daqui in José de Freitas konnten uns mit ihren Erfahrungswerten helfen.

Zwei Jahre lang hat die Kolpinggemeinde Porto gemeinsam mit den Jugendlichen vor Ort und den Schülern der Initiative Brasil09 das Projekt ausgearbeitet. Uns war wichtig, dass die brasilianischen Jugendlichen möglichst viel selbst planen und organisieren können und schnell Lernerfolge haben. Um so sorgfältiger sie ihre Pflanzen anbauen und pflegen und um so engagierter sie ihre Nachbarn, Verwandte und Freunde einladen, Früchte in der Casa das Frutas abzugeben, desto mehr verdienen sie selbst und sehen ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der Stadt Porto.

Umsetzung und Konkrete Schritte

Bereits im Juli 2011 haben wir im Stadtbezirk Porto drei Hektar Land gekauft und registrieren lassen. Die wilden Pflanzen im vorderen Bereich wurden bereits gefällt und abgemäht. Das Grundstück wurde eingezäunt, damit die Obstbäume vor freilaufenden Rindern, Schweinen, Ziegen, Eseln und Maultieren geschützt sind. Außerdem wurde im Sommer 2013 ein Brunnen gebohrt und für eine Tröpfchenbewässerung vorbereitet. Mit Beginn der Regenzeit wurden im Frühjahr 2014 die Setzlinge gepflanzt. Ein Landarbeiter leitet die Jugendlichen bei all diesen Arbeiten an.

Im Frühjahr 2013 wurde das Haus der Kolpinggemeinde Porto zur Casa das Frutas umgebaut. Zusätzliche Wände wurden gemauert und gefliest. Die Sanitäranlagen mussten komplett erneuert werden. Anschließend wurden Entsafter, Mixer, Gefrierschränke und Waagen gekauft und die Jugendlichen angelernt. Im März 2014 wurde mit der Produktion der Polpa begonnen.

Die Bewässerungsanlage auf dem Grundstück wollen wir mit Solarenergie betreiben. Die Gefrierschränke in der Casa das Frutas sollen zumindest tagsüber mit Energie von eigenen Photovoltaik-Anlagen versorgt werden. Ob sie nachts über eine Batterie weiter laufen können oder aus dem öffentlichen Netz gespeist werden, wird noch mit staatlichen Energieversorgungsunternehmen und Solarfirmen beraten.

Kooperation mit einheimischen Partnern

Technische Unterstützung bekommen wir vom nordostbrasilianischen Institut Emater, das sich der nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Gebietes und der Landwirtschaft verschrieben hat. Dieses Institut vermittelt einheimische Facharbeiter, die Menschen nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe in verschiedenen landwirtschaftlichen Bereichen anlernen. Mittlerweile hat Aldo Qeiroz, ein Mitarbeiter der Emater ein Büro im Centro da Juventude gemietet, das 2009 von deutschen und brasilianischen Jugendlichen errichtet wurde. Er wird das Projekt Fruticultura begleiten und uns ggf. Kontakte zu anderen Facharbeitern vermitteln.

Die brasilianische Regierung stellt im Rahmen eines Sozialwirtschafts-programms für die nächsten zwei Jahre einen Koordinator ein, der neben unserem drei weitere Sozialprojekte in der Region betreut. Der beauftragte Marcelino de Oliveira hat 2009 für uns als zuverlässiger Bauleiter am Centro da Juventude gearbeitet. Wir stehen bis heute in engem und freundschaft-lichen Kontakt.

Der Nationale Dienst für Bildung in ländlichen Regionen („Senar“ – Serviço nacional de aprendizagem rural) hat 2013 zwei Seminare zur Verarbeitung und Vermarktung von Früchten organisiert und finanziert. Für die darauf folgenden Jahren können diese Kurse noch nicht fest zugesagt werden. Die brasilianischen Partner sind sich jedoch sicher, dass sie jedes Jahr aus einem Sozialprogramm Geld für diese Kurse bekommen können.

Vertrieb und Planungssicherheit

Damit wir unsere Polpa auf dem brasilianischen Markt verkaufen können, müssen wir uns als Marke registrieren und eine Lizenz erwerben. Wir wollen von Anfang an eine Genehmigung für den ganzen Bundesstaat Piauí beantragen, um künftig über die Gemeinde Porto hinaus Kunden zu beliefern.

Abnehmer für die Polpa sind bereits gefunden. Ein brasilianisches Gesetz schreibt Schulen und staatlichen Institutionen vor, dass 30 Prozent der Lebensmittel, die an Schüler und Mitarbeiter ausgegeben werden, von kleinen regionalen Unternehmen bezogen werden müssen. Die drei Schulen im Stadtgebiet Porto können diese Auflage bisher nicht erfüllen, da es keinen lokalen Lieferanten gibt. Im Verlauf des Projektes werden somit bis zu 4.000 Schulkinder in Porto/Piauí von Fruticultura profitieren. 

Projektmotor Entwicklungsaustausch

Wie alle unsere Projekte wird „Fruticultura“ bei unseren Begegnungen weiterentwickelt. Wenn wir in Brasilien sind, arbeiten wir natürlich auf der Plantage mit. Die Besuche sind ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Sie helfen uns, die Probleme vor Ort besser zu verstehen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sie motivieren auch die Brasilianer, die uns gerne die Fortschritte zeigen wollen. Ohne unsere eigenen Eindrücke wäre es nicht möglich, so effektiv Zuwendungen in Deutschland einzuwerben, denn sie begründen das Vertrauen unserer Geldgeber. 

Die Begegnungen festigen unsere deutsch-brasilianischen Freundschaften, die immer wieder Ansporn sind weiter zu arbeiten, damit wir uns ganz bald wieder sehen.