Der erste Atemzug Brasilien

Jorinde Bartels und Larissa Holzki reisten im März 2008 als Botschafter ihrer Klasse nach Porto. Erst nach dieser Reise konnten viele Jugendliche beider Länder glauben, dass es die jeweils andere Gruppe wirklich gab. Die Schülerinnen machten sich selbst ein Bild von der Situation vor Ort. Dies war wichtig, um das Projekt bekannt zu machen und Spender zu gewinnen. Die Erfahrungen erleichterten die Vorbereitungen der Klassenfahrt. In Porto erkannten die Schülerinnen, dass auch brasilianische Jugendliche nach Deutschland reisen müssen, damit eine Partnerschaft auf Augenhöhe möglich ist. Die beiden 17-Jährigen wurden von einer Dolmetscherin begleitet.

Die Eindrücke kamen im wahrsten Sinne des Wortes mit dem ersten Atemzug! Die Luft war dick, warm und feucht. Klima, Landschaft, Menschen, Lebensweise, Häuser, Straßen, Gerüche, Freundlichkeit und Mentalität – vom ersten Augenblick an versuchten wir, alles in uns aufzunehmen. Schnell stellten wir fest, dass uns nicht die Touristenattraktionen, sondern das tägliche Leben am meisten interessierte und beeindruckte.

Unsere Gastgeber hatten für uns ein differenziertes Programm aufgestellt. Wir bekamen zunächst einen Einblick in das Leben in der Landeshauptstadt von Piauí: Für deutsche Augen ein vollkommen chaotischer Verkehr mit bis zu fünf Menschen auf einem Motorrad, Straßenhändler, die auf dem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen Fleisch grillen, bewaffnete Militärpolizei vor politischen Gebäuden, Schüler in einheitlichen Schuluniformen vom T-Shirt bis zu den Schuhen, nächtliche Tanzfeste auf ummauerten Hinterhöfen und ein riesiger Obst- und Gemüsemarkt, auf dem wir zum ersten Mal alle Warnungen in den Wind schlugen und zahlreiche tropische Früchte ungeschält probierten.

Dann ging es endlich nach Porto. Wir fuhren mit dem Auto über holprige, nicht asphaltierte Straßen. Rechts und links Palmen, Kakteen, Sümpfe, Wiesen, nur wenige Häuser, ab und zu ein Fußballfeld. Alles war grün. Vor kurzem hatte die Regenzeit begonnen. Noch wenige Wochen zuvor war hier alles trocken und verdorrt gewesen. Wir konnten es kaum glauben. Vor dem Kolpinghaus in Porto erwartete uns schon eine große Gruppe von Jugendlichen. Sie winkten, liefen umher und waren augenscheinlich mindestens so aufgeregt wie wir. Endlich lernten wir uns kennen! 

Wir hatten uns viel vorgenommen. Nicht als reiche Europäer auftreten, die helfen wollen. Freunde werden, die Jugendlichen kennenlernen, sie nach ihren Wünschen und Träumen fragen und ihnen all die Fragen stellen, die uns die Klassenkameraden mit auf den Weg gegeben hatten. Etwas verlegen stiegen wir aus und gingen auf sie zu. Die Projektleiter begrüßten uns – viele Jugendliche hingegen machten einen Schritt zurück. Sie standen mit großen Augen da, lächelten uns an und versuchten, nun bloß nichts falsch zu machen. Im Begegnungsraum des Kolpingzentrums sangen sie uns Begrüßungslieder und gaben für uns eine Tanzvorführung. Zwei Jugendliche tanzten uns mit ihrer Samba ganz schwindelig. Was die alles konnten! Als anschließend alle ihren Namen sagen sollten, versagte einigen die Stimme. Am Buffet gab es frische Ananas, Bananen, Säfte und traditionelles Gebäck. Herzlicher hätten sie uns den Empfang nicht bereiten können. 

In den folgenden Tagen besuchten wir die Bildungskurse, wie Informatik und Kunst, die von unserer Klasse finanziert wurden und bereits im September 2007 begonnen hatten. Sie fanden auf sehr engem Raum statt. Im Malkurs konnte man kaum zwischen den Tischen umhergehen. Einmal besuchten wir auch die öffentliche Schule. Der Unterricht kam uns etwas chaotisch vor und wir hatten den Eindruck, er sei auf einem recht niedrigen Niveau. Doch überall, wo wir hinkamen, konnte sich so oder so kein Schüler mehr auf den Lehrer konzentrieren. Junge weiße Mädchen hatten die Kinder alle noch nie gesehen. Einige berührten vorsichtig unsere Haut. Sie wollten wissen, ob sie sich anders anfühlt als ihre. Andere konnten nicht verstehen, warum wir so komisch sprachen und ihre Worte nicht verstanden.

Wir fuhren zu Reisbauern und Fischzüchtern, wir gingen in den Gottesdienst, hielten am Palmsonntag dort sogar eine kleine Rede, lernten Kirchengruppen und den Pfarrer kennen, besuchten den Stadtrat und fuhren mit Kolpingvertretern und Jugendlichen zu einem Fußball-Freundschaftsspiel in die nächste Kleinstadt, Campo Largo. Jede freie Minute verbrachten wir im Kolpingzentrum. Hier kamen die Jugendlichen nachmittags und abends hin, unterhielten sich und spielten Flaschendrehen. Bis einer kam, den Abstellraum aufschloss und die Musikanlage herausholte. Dann wurde getanzt und getanzt und getanzt. Zu jedem Lied kannten sie eine andere Choreographie oder dachten sich eine neue aus. Beim Tanzen war es egal, ob einer eine zerschlissene Hose trug oder ein neues T-Shirt. Wer sich auf den Zehen drehen, die Hüfte schwingen und dabei noch lächeln konnte, war der Star für alle umstehenden Jugendlichen und die kleinen Geschwister, die oft bis zum späten Abend mit den großen Brüdern und Schwestern unterwegs waren.

Innerhalb von wenigen Tagen lernten wir einige Jugendliche besser kennen. Wir alle wurden mutiger, benutzten Hände und Füße, um uns zu verständigen. Endgültig brach das Eis zwischen uns auf einer Fahrt zu einem Projekt für Landlose, die in einem staatlich geförderten Projekt lernten, Fische zu züchten. Nachdem wir uns alles angeschaut hatten, sprangen Brasilianer und Deutsche in den Fischteich. Es war früher Nachmittag, die Sonne stand im Zenit und es war furchtbar heiß. Im Radio sprachen sie immer von etwa 37 Grad. Aber die Temperatur wird im Schatten gemessen und mittags gibt es keinen Schatten. Wir spritzten uns nass und tauchten uns unter bis wir merkten, dass unsere Haut erschreckend rot wurde. Und tatsächlich: Sogar die Brasilianer veränderten ihre Farbe! Wir wurden uns äußerlich ähnlicher und entdeckten zum ersten Mal, dass wir auch sonst viele Gemeinsamkeiten hatten. So hatten wir zusammen alle Warnungen der Projektleiter missachtet und hatten den Sonnenbrand riskiert. Der Spaß war es wert. Auf der Rückfahrt – wir fuhren mit etwa 30 Jugendlichen stehend auf der Ladefläche eines LKW – klammerten wir uns aneinander fest. Von diesem Tag an gehörten wir zusammen.

Besonders ungewohnt war für uns das offene Leben der Portuenser. Einige Häuser haben nicht einmal Türen. Viele Menschen sitzen vor ihren Häusern und schauen, wer vorübergeht. Das Leben spielt auf der Straße und jeder kennt jeden. Mit fast jedem zweiten sind sie sogar verwandt oder verschwägert. In manchen Häusern wohnen Familien mit zehn Kindern. Sie teilen sich zwei oder drei Zimmer. Überall an den Wänden hängen Metallringe. An denen werden abends die Hängematten aufgehängt. So finden alle Familienmitglieder auf engem Raum Platz. Fließendes Wasser, Strom oder gar gefliesten Boden gibt es dagegen nicht überall. Trotzdem scheint es, als seien sie voller Lebensfreude. Bei kleinen Besuchen stellten wir fest, dass wir nicht allein von der Kleidung der Jugendlichen auf ihre familiäre Situation schließen konnten. Ohrringe zum Beispiel hat eigentlich jedes Mädchen in Porto. Egal, ob es in einer Lehmhütte oder in einem größeren Haus im Stadtzentrum wohnt.

Nach einer Woche reisten wir weiter. Unsere Gastgeber wollten uns die Schönheiten ihres Landes zeigen und wir sollten überlegen, wohin wir im nächsten Jahr mit unseren Klassenkameraden und den brasilianischen Jugendlichen hinfahren wollten. So durchwanderten wir die „Schweiz von Brasilien“ in Pedro II, schipperten mit einem kleinen Boot durch das Delta des Parnaíba (das fünft-größte Delta der Welt), fuhren ans Meer und besichtigten einen Wasserfall, der durch die starken Regenfälle zu einer beeindruckenden Größe und Breite angeschwollen war. Die Schönheit der Natur und die unglaublichen Gegensätze nahmen uns immer wieder in den Bann. Doch jeden Abend dachten wir an unsere neuen Freunde aus Porto zurück. Am schönsten war es doch in Porto.

Obrigada por tudo.